Hinweis
Diese Antwort dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Prüfung des konkreten Einzelfalls. Maßgeblich sind die aktuellen Vorschriften und betrieblichen Bedingungen.
Was versteht man unter anthropometrischen Daten in der Ergonomie?
Auf einen Blick
Anthropometrische Daten sind Körpermaße des Menschen, die für die ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen, Maschinen und Arbeitsmitteln genutzt werden. Sie helfen dabei, Arbeitsplätze an die Beschäftigten anzupassen und nicht umgekehrt. Ziel ist es, Zwangshaltungen, Überlastungen und unnötige Bewegungen zu vermeiden.
Einer der wichtigsten Grundsätze der Ergonomie lautet: Der Arbeitsplatz muss sich an den Menschen anpassen – nicht der Mensch an den Arbeitsplatz. Damit dies gelingt, benötigen Planer und Arbeitgeber verlässliche Daten über die Körpermaße der Beschäftigten. Genau diese Informationen liefern anthropometrische Daten.
Die Anthropometrie ist ein Teilgebiet der Ergonomie und beschäftigt sich mit den Abmessungen, Bewegungsräumen und körperlichen Eigenschaften des Menschen. Erfasst werden unter anderem Körpergröße, Sitzhöhe, Augenhöhe, Schulterbreite, Armlänge, Beinlänge, Greifhöhe oder Reichweiten.
Diese Daten bilden die Grundlage für die Konstruktion ergonomischer Arbeitsplätze. Ohne sie wäre es kaum möglich, Maschinen, Werkbänke oder Büroarbeitsplätze so zu gestalten, dass sie für möglichst viele Menschen geeignet sind.
Ein häufiger Irrtum besteht darin, einen Arbeitsplatz auf die durchschnittliche Körpergröße auszulegen. Tatsächlich existiert der „Durchschnittsmensch“ in der Praxis kaum. Beschäftigte unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Körpergröße, Proportionen und Beweglichkeit.
Aus diesem Grund arbeiten Ergonomie und Arbeitsschutz häufig mit sogenannten Perzentilen. Dabei wird beispielsweise berücksichtigt, dass ein Arbeitsplatz sowohl für kleinere als auch für größere Personen geeignet sein muss. Häufig orientieren sich Planungen am Bereich zwischen der 5. und 95. Perzentile, wodurch der überwiegende Teil der Bevölkerung berücksichtigt wird.
Ein klassisches Beispiel sind höhenverstellbare Schreibtische. Während eine Person mit 1,60 Metern Körpergröße eine deutlich niedrigere Arbeitsfläche benötigt, arbeitet eine Person mit 1,95 Metern wesentlich ergonomischer an einer höheren Tischposition. Durch die Verstellbarkeit kann derselbe Arbeitsplatz individuell angepasst werden.
Anthropometrische Daten spielen jedoch nicht nur im Büro eine Rolle. Auch in der Industrie, im Handwerk, in Laboren oder in der Logistik bestimmen sie die Gestaltung von Maschinen, Bedienfeldern, Regalen oder Arbeitsmitteln.
Besonders wichtig sind Greifhöhen und Reichweiten. Häufig genutzte Werkzeuge sollten sich innerhalb des ergonomisch günstigen Greifraums befinden. Müssen Beschäftigte ständig über Schulterhöhe arbeiten oder sich tief bücken, steigt das Risiko für Muskel-Skelett-Erkrankungen erheblich.
Auch die Gestaltung von Bedienelementen basiert auf anthropometrischen Daten. Not-Aus-Schalter, Bedienknöpfe oder Displays müssen so angeordnet sein, dass sie von unterschiedlich großen Personen sicher und schnell erreicht werden können.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Sitzergonomie. Sitzhöhe, Rückenlehne, Armlehnen und Sitztiefe sollten individuell einstellbar sein. Nur dadurch kann eine gesunde Sitzhaltung über längere Zeiträume unterstützt werden.
Anthropometrische Daten spielen außerdem bei der Auswahl persönlicher Schutzausrüstung eine wichtige Rolle. Schutzkleidung, Atemschutzmasken, Auffanggurte oder Schutzhandschuhe müssen zur Körpergröße und Körperform der Beschäftigten passen. Eine schlecht sitzende PSA kann ihre Schutzwirkung erheblich verlieren.
Auch bei Fluchtwegen oder Wartungsarbeiten werden anthropometrische Daten berücksichtigt. Wartungsöffnungen müssen ausreichend groß sein, Fluchtwege dürfen nicht zu eng bemessen werden und Sicherheitsabstände müssen unterschiedliche Körpergrößen berücksichtigen.
Moderne CAD-Systeme ermöglichen heute die digitale Simulation verschiedener Körpergrößen bereits während der Planung neuer Arbeitsplätze oder Maschinen. Dadurch können ergonomische Schwachstellen frühzeitig erkannt und noch vor der Inbetriebnahme beseitigt werden.
Ein häufiger Fehler besteht darin, ergonomische Planungen ausschließlich nach Platzbedarf oder technischen Anforderungen vorzunehmen. Erst wenn die tatsächlichen Körpermaße der späteren Nutzer berücksichtigt werden, entsteht ein wirklich ergonomischer Arbeitsplatz.
Anthropometrische Daten verändern sich außerdem im Laufe der Zeit. Die durchschnittliche Körpergröße der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Deshalb werden ergonomische Datensammlungen regelmäßig aktualisiert und an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst.
Unternehmen profitieren erheblich von anthropometrisch gestalteten Arbeitsplätzen. Sie reduzieren körperliche Belastungen, erhöhen die Arbeitssicherheit, verbessern die Produktivität und senken langfristig krankheitsbedingte Ausfallzeiten.
Praxis-Tipp:
Planen Sie Arbeitsplätze möglichst verstellbar statt für eine feste Körpergröße. Höhenverstellbare Tische, Monitore, Arbeitsflächen oder Materialhalter ermöglichen eine ergonomische Anpassung an nahezu alle Beschäftigten.
Warum wird häufig die 5. bis 95. Perzentile verwendet?
Dieser Bereich deckt den größten Teil der Bevölkerung ab. Arbeitsplätze, die sich an diesen Körpermaßen orientieren und entsprechend verstellbar sind, können von den meisten Beschäftigten ergonomisch genutzt werden, ohne dass individuelle Sonderlösungen erforderlich sind.
Welche Vorschriften sind maßgeblich?
Die rechtlichen Grundlagen ergeben sich insbesondere aus dem Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV), der DIN EN ISO 6385 – Ergonomische Grundlagen für die Gestaltung von Arbeitssystemen, der DIN EN 547 – Anthropometrische Anforderungen, der DIN EN ISO 14738 – Anthropometrische Anforderungen an Arbeitsplätze an Maschinen sowie der DGUV Information 215-410 – Bildschirm- und Büroarbeitsplätze.
Ergänzende Fachinformationen bieten insbesondere:
DIN EN ISO 14738 – Anthropometrische Anforderungen an Maschinenarbeitsplätzen
https://www.beuth.de/
DIN EN ISO 6385 – Ergonomische Grundlagen
https://www.beuth.de/
Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV)
https://www.gesetze-im-internet.de/arbst_ttv_2004/
DGUV Information 215-410 – Bildschirm- und Büroarbeitsplätze
https://publikationen.dguv.de/
BAuA – Ergonomie und Arbeitsgestaltung
https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung-im-Betrieb/Physische-Belastung/Physische-Belastung_node.html