Hinweis
Diese Antwort dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Prüfung des konkreten Einzelfalls. Maßgeblich sind die aktuellen Vorschriften und betrieblichen Bedingungen.
Was bedeutet die Greifraumanalyse in der Ergonomie?
Auf einen Blick
Die Greifraumanalyse ist ein ergonomisches Verfahren zur Gestaltung von Arbeitsplätzen. Sie untersucht, ob Werkzeuge, Bedienelemente, Materialien und Arbeitsmittel innerhalb des optimalen Greifbereichs liegen. Ziel ist es, unnötige Bewegungen, Zwangshaltungen und körperliche Belastungen dauerhaft zu vermeiden.
Viele ergonomische Probleme entstehen nicht durch schwere körperliche Arbeit, sondern durch tausende kleiner, ständig wiederholter Bewegungen. Müssen Beschäftigte sich ständig weit strecken, verdrehen oder über Schulterhöhe greifen, erhöht sich langfristig das Risiko für Muskel-Skelett-Erkrankungen erheblich.
Die Greifraumanalyse gehört deshalb zu den wichtigsten Methoden der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung. Sie betrachtet systematisch, welche Gegenstände wie häufig benötigt werden und an welcher Position sie sich befinden.
Grundsätzlich unterscheidet die Ergonomie zwischen mehreren Greifbereichen. Der wichtigste Bereich ist der optimale Greifraum. Dieser befindet sich direkt vor dem Körper und kann erreicht werden, ohne Schultern anzuheben oder den Oberkörper nach vorne zu bewegen. Bewegungen erfolgen überwiegend aus dem Unterarm heraus und verursachen nur geringe körperliche Belastungen.
Etwas weiter außen befindet sich der maximale Greifraum. Dieser kann zwar noch ohne Aufstehen erreicht werden, erfordert jedoch bereits eine deutliche Armstreckung oder eine Vorwärtsbewegung des Oberkörpers. Gegenstände in diesem Bereich sollten deshalb nur gelegentlich benötigt werden.
Außerhalb des maximalen Greifraums beginnt ein ergonomisch ungünstiger Arbeitsbereich. Müssen Beschäftigte regelmäßig Gegenstände aus diesem Bereich entnehmen, entstehen dauerhaft erhöhte Belastungen für Schultern, Rücken und Nacken.
Bei einer Greifraumanalyse werden zunächst sämtliche Arbeitsmittel erfasst. Anschließend wird bewertet, wie häufig jedes Werkzeug oder Material verwendet wird. Besonders häufig benötigte Gegenstände gehören grundsätzlich in den optimalen Greifraum.
Werkzeuge, die nur gelegentlich benötigt werden, können im erweiterten Greifbereich angeordnet werden. Selten genutzte Materialien dürfen weiter entfernt gelagert werden, sofern dadurch keine zusätzlichen Sicherheitsrisiken entstehen.
Ein weiterer Bestandteil der Greifraumanalyse ist die Betrachtung der Körperhaltung. Beschäftigte sollten möglichst mit geradem Rücken und entspannten Schultern arbeiten können. Häufige Verdrehungen des Oberkörpers oder Arbeiten über Schulterhöhe gelten als ergonomisch ungünstig.
Besonders wichtig ist die Analyse bei Montagearbeitsplätzen, Laborarbeitsplätzen, Verpackungsarbeitsplätzen oder in der Kommissionierung. Dort werden oft mehrere tausend Greifbewegungen pro Schicht durchgeführt. Bereits kleine Verbesserungen können die körperliche Belastung erheblich reduzieren.
Auch Bildschirmarbeitsplätze profitieren von einer Greifraumanalyse. Tastatur, Maus, Telefon oder häufig verwendete Unterlagen sollten sich innerhalb des optimalen Arbeitsbereichs befinden. Muss beispielsweise ständig weit zur Maus gegriffen werden, entstehen langfristig unnötige Schulter- und Armbewegungen.
Moderne ergonomische Planungsverfahren nutzen häufig digitale Arbeitsplatzsimulationen. Bereits in der Planungsphase kann dadurch überprüft werden, ob alle Arbeitsmittel ergonomisch günstig angeordnet sind und unterschiedliche Körpergrößen ausreichend berücksichtigt werden.
Ein häufiger Fehler besteht darin, Arbeitsplätze ausschließlich nach Platzbedarf oder Maschinenanordnung zu gestalten. Ergonomisch sinnvoll ist dagegen eine Anordnung entsprechend der tatsächlichen Arbeitsabläufe und Greifhäufigkeiten.
Die Greifraumanalyse sollte außerdem immer gemeinsam mit den Beschäftigten durchgeführt werden. Sie kennen die täglichen Bewegungsabläufe am besten und können häufig bereits kleine Verbesserungen vorschlagen, die später eine große Wirkung entfalten.
Auch anthropometrische Unterschiede müssen berücksichtigt werden. Arbeitsplätze sollten möglichst für unterschiedliche Körpergrößen geeignet sein. Höhenverstellbare Arbeitsplätze oder flexibel positionierbare Materialbehälter erleichtern eine ergonomische Anpassung erheblich.
Eine gut durchgeführte Greifraumanalyse verbessert nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten. Gleichzeitig werden Arbeitsabläufe effizienter, unnötige Bewegungen reduziert und Ermüdungserscheinungen verringert. Dadurch steigen häufig auch Produktivität und Arbeitsqualität.
Praxis-Tipp:
Beobachten Sie einen vollständigen Arbeitsablauf und zählen Sie, wie oft Beschäftigte sich strecken, verdrehen oder über Schulterhöhe greifen müssen. Bereits wenige Änderungen an der Anordnung von Werkzeugen können tausende unnötige Bewegungen pro Woche vermeiden.
Wie groß ist der optimale Greifraum?
Der optimale Greifraum hängt von der Körpergröße sowie der jeweiligen Tätigkeit ab. Grundsätzlich umfasst er den Bereich, den Beschäftigte mit angewinkelten Armen und ohne Vorbeugen oder Schulterbewegungen bequem erreichen können. Häufig benötigte Arbeitsmittel sollten möglichst ausschließlich in diesem Bereich liegen.
Welche Vorschriften sind maßgeblich?
Die rechtlichen Anforderungen ergeben sich insbesondere aus dem Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV), der DGUV Information 215-410 – Bildschirm- und Büroarbeitsplätze, der DIN EN ISO 6385 – Ergonomische Grundlagen für die Gestaltung von Arbeitssystemen sowie der DIN EN 547 – Anthropometrische Anforderungen.
Ergänzende Fachinformationen bieten insbesondere:
BAuA – Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung
https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung-im-Betrieb/Physische-Belastung/Physische-Belastung_node.html
Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV)
https://www.gesetze-im-internet.de/arbst_ttv_2004/
DGUV Information 215-410 – Bildschirm- und Büroarbeitsplätze
https://publikationen.dguv.de/
DIN EN ISO 6385 – Ergonomische Grundlagen
https://www.beuth.de/
BAuA – Ergonomie am Arbeitsplatz
https://www.baua.de/DE/Home/Home_node.html