Hinweis
Diese Antwort dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine Prüfung des konkreten Einzelfalls. Maßgeblich sind die aktuellen Vorschriften und betrieblichen Bedingungen.
Was versteht man unter einer ergonomischen Neutralhaltung?
Auf einen Blick
Die Neutralhaltung beschreibt eine Körperhaltung, bei der Gelenke, Muskeln und Sehnen möglichst wenig belastet werden. Sie gilt als Grundprinzip der Ergonomie und sollte bei allen Arbeitsplätzen – vom Büro bis zur Industrie – angestrebt werden. Ziel ist es, Muskel-Skelett-Erkrankungen und vorzeitige Ermüdung zu vermeiden.
Viele Menschen verbinden Ergonomie mit einem ergonomischen Bürostuhl oder einem höhenverstellbaren Schreibtisch. Tatsächlich geht Ergonomie jedoch deutlich weiter. Entscheidend ist, wie der Körper während der Arbeit belastet wird. Eine ungünstige Körperhaltung über viele Stunden kann langfristig zu erheblichen gesundheitlichen Beschwerden führen – selbst dann, wenn die Tätigkeit körperlich wenig anstrengend erscheint.
Die Neutralhaltung beschreibt die Körperposition, in der Muskeln, Gelenke und Bänder möglichst wenig belastet werden. In dieser Haltung befinden sich die Gelenke nahe ihrer natürlichen Mittelstellung. Dadurch entstehen geringere Druck- und Zugkräfte auf Wirbelsäule, Sehnen und Muskulatur.
Für die Wirbelsäule bedeutet dies, dass ihre natürliche Doppel-S-Form möglichst erhalten bleibt. Ein dauerhaft gekrümmter Rücken oder starkes Hohlkreuz erhöhen dagegen die Belastung der Bandscheiben erheblich.
Auch der Kopf sollte sich möglichst in einer aufrechten Position befinden. Bereits eine leichte Vorneigung des Kopfes vergrößert die Belastung der Halswirbelsäule deutlich. Da viele Beschäftigte heute über längere Zeit auf Bildschirme oder Werkstücke schauen, gehört die Kopfhaltung zu den häufigsten ergonomischen Problemen.
Die Schultern sollten entspannt bleiben und weder dauerhaft angehoben noch nach vorne gezogen werden. Arbeiten über Schulterhöhe oder dauerhaft ausgestreckte Arme verlassen die Neutralhaltung und führen schnell zu Muskelverspannungen.
Für die Ellenbogen gilt ein Winkel von ungefähr 90 Grad als ergonomisch günstig. Dadurch können Unterarme und Hände ohne unnötige Muskelspannung bewegt werden. Gleiches gilt für Handgelenke, die möglichst gerade und nicht dauerhaft abgeknickt sein sollten.
Auch die Hüfte und Knie befinden sich idealerweise in einer leicht geöffneten Sitz- oder Stehhaltung. Stark angewinkelte oder dauerhaft gestreckte Gelenke erhöhen die Muskelbelastung und verschlechtern die Durchblutung.
Die Neutralhaltung spielt nicht nur bei Bildschirmarbeitsplätzen eine Rolle. Auch in Produktion, Handwerk, Pflege oder Lagerlogistik sollte sie möglichst häufig eingehalten werden. Deshalb werden Arbeitsplätze so gestaltet, dass Werkstücke, Werkzeuge oder Bedienelemente innerhalb ergonomisch günstiger Greif- und Sichtbereiche liegen.
Ein großer Vorteil der Neutralhaltung besteht darin, dass sie den Energieverbrauch der Muskulatur reduziert. Beschäftigte ermüden langsamer, arbeiten präziser und können Tätigkeiten häufig länger ohne Beschwerden ausführen.
In der Praxis lässt sich eine Neutralhaltung allerdings nicht dauerhaft einhalten. Deshalb verfolgt die moderne Ergonomie nicht das Ziel, Beschäftigte ständig in einer festen Haltung arbeiten zu lassen. Viel wichtiger ist der regelmäßige Wechsel zwischen verschiedenen günstigen Körperhaltungen.
Besonders kritisch sind sogenannte Endgelenkstellungen. Dazu gehören stark abgeknickte Handgelenke, dauerhaft verdrehte Knie oder maximale Schulterbewegungen. In diesen Positionen steigen Gelenkbelastungen und Muskelkräfte deutlich an.
Ein häufiger Fehler besteht darin, ergonomische Arbeitsplätze ausschließlich anhand der Sitzposition zu beurteilen. Tatsächlich beginnt Ergonomie bereits bei der Höhe von Arbeitsflächen, der Position von Werkzeugen, der Beleuchtung und der Anordnung von Bedienelementen.
Auch persönliche Schutzausrüstung sollte die Neutralhaltung möglichst wenig beeinträchtigen. Schwere Atemschutzgeräte, schlecht sitzende Handschuhe oder ungeeignete Schutzkleidung können ergonomisch günstige Körperhaltungen erschweren und zusätzliche Belastungen verursachen.
Bei der Gefährdungsbeurteilung werden deshalb häufig Körperhaltungen systematisch bewertet. Ergonomische Analyseverfahren wie REBA, RULA oder die Leitmerkmalmethoden der BAuA helfen dabei, ungünstige Körperhaltungen objektiv zu erkennen und geeignete Verbesserungsmaßnahmen abzuleiten.
Eine konsequente Ausrichtung auf die Neutralhaltung trägt wesentlich dazu bei, Muskel-Skelett-Erkrankungen zu vermeiden, die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu erhalten und langfristig Fehlzeiten zu reduzieren.
Praxis-Tipp:
Beobachten Sie Ihre Arbeitsposition regelmäßig selbst: Müssen Sie Schultern anheben, Handgelenke abknicken oder den Kopf dauerhaft nach vorne neigen, sollte der Arbeitsplatz ergonomisch angepasst werden.
Bedeutet Neutralhaltung, dass man immer gleich sitzen oder stehen soll?
Nein. Ergonomisch günstig ist nicht das dauerhafte Verharren in einer Haltung, sondern der regelmäßige Wechsel zwischen verschiedenen möglichst neutralen Körperhaltungen. Bewegung bleibt der wichtigste Bestandteil einer gesunden Ergonomie.
Welche Vorschriften sind maßgeblich?
Die rechtlichen Grundlagen ergeben sich insbesondere aus dem Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV), der DIN EN ISO 6385 – Ergonomische Grundlagen für die Gestaltung von Arbeitssystemen, der DIN EN 1005 – Sicherheitsanforderungen an die menschliche körperliche Leistungsfähigkeit, den Leitmerkmalmethoden der BAuA sowie der DGUV Information 215-410 – Bildschirm- und Büroarbeitsplätze.
Ergänzende Fachinformationen bieten insbesondere:
BAuA – Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung
https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung-im-Betrieb/Physische-Belastung/Physische-Belastung_node.html
Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV)
https://www.gesetze-im-internet.de/arbst_ttv_2004/
Leitmerkmalmethoden der BAuA
https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung/Physische-Belastung/Leitmerkmalmethoden/Leitmerkmalmethoden_node.html
DGUV Information 215-410 – Bildschirm- und Büroarbeitsplätze
https://publikationen.dguv.de/
DIN EN ISO 6385 – Ergonomische Grundlagen
https://www.beuth.de/